Wissensmanagement – Interview mit Beat Troller, Gastredner am Tocco Summit 2026
Informationsverfügbarkeit, Wissensverteilung und Wissenserhalt tragen massgeblich zu einer funktionierenden Organisation bei. Aber wie geben wir Wissen am besten weiter? Am Tocco Summit 2026 haben wir dazu Gastredner Beat Troller die Bühne übergeben. Er weiss, wie Wissen organisiert wird.
Beat, auf deiner Website lese ich: «alles, was ist, hat einmal begonnen». Was «ist» aktuell bei dir und wie hat alles begonnen?
Alles begann mit einer Neugier, die mich glücklicherweise bis heute begleitet. Nach gut 60 Jahren habe ich gelernt: Wissen ist kein Besitz, sondern ein Prozess, der nur durch Teilen lebendig bleibt.
Am Tocco Summit 26 hast du zum Thema Wissensmanagement einen Vortrag gehalten. Kannst du uns einen Einblick in die Themen und Erkenntnisse geben?
Ich erzähle drei Geschichten: eine vom seltenen Moment, in dem Organisationen tatsächlich lernen; eine vom Wissensverlust, wenn Experten gehen; und eine vom Onboarding, wenn Neulinge das implizite Wissen der Alten erschliessen müssen. Basis dafür ist das Modell der Wissensbausteine nach Probst et al.
Ein grosses Thema. Kannst du aus deiner Erfahrung Quick Fixes nennen, die Wissen in Unternehmen sichert?
Es gibt keine Quick Fixes, die Wissen sichern – wohl aber einen einzigen, der den Prozess in Gang setzt: anfangen. Heute. Nicht morgen, nicht wenn die Software steht. Der Rest ist Disziplin, und die ist in Unternehmen das rareste Gut von allen.
Wie investiert man als Unternehmung in Wissen?
Wir investieren nicht in Wissen, sondern in dessen Fluss. Das meiste Wissen ist bereits da – in den Köpfen, in den Prozessen, in den Datenbanken. Die Investition gilt der Extraktion: Wie machen wir implizites Wissen explizit? Das erfordert drei Schritte: wissen, was wir brauchen (Strategieabgleich), wissen, was wir haben (Bestandsanalyse), und wissen, wie wir die Lücke schliessen (Tun).
Welche häufigsten Fehler siehst du bei der Umsetzung – und wie lassen sie sich vermeiden?
Der häufigste Fehler ist, dass Unternehmen Wissensmanagement wünschen, aber nicht umsetzen. Sie hoffen, Technologie – sei es KI oder Software – werde das Problem lösen, ohne dass Menschen den Prozess aktiv gestalten. Das ist wie Goethes Zauberlehrling: Die Beschwörung gelingt, die Kontrolle nicht.
Wie beeinflusst KI das Wissensmanagement?
KI kehrt die Logik um. Bisher lag das Wissen in Ordnern und wartete darauf, gefunden zu werden. KI macht es aktiv, generativ und personalisiert. Drei Verschiebungen sind entscheidend: Erstens extrahiert sie implizites Wissen aus Gesprächen und Protokollen, das bisher mit den Mitarbeitenden in Rente ging. Zweitens personalisiert sie den Zugang: Ein Anfänger bekommt eine Erklärung, eine Expertin die Quelle. Drittens werden Wissensmanager:innen zu Kuratoren, die Vertrauen und Qualität sichern – denn wenn KI alles produziert, wird die Validierung zum Engpass. Das Risiko: Wissen wird unsichtbar, weil es direkt im Arbeitswerkzeug fliesst.
Wie erkennt oder misst man ein erfolgreiches Wissensmanagement?
Erfolgreiches Wissensmanagement misst sich an Reife, nicht an Quantität. Das Knowledge Management Maturity Model definiert fünf Stufen – von zufälligem Ad-hoc-Verhalten bis zum kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Der entscheidende Indikator ist nicht, wie viel Wissen gespeichert ist, sondern wie systematisch es durchlaufen wird: Wiederholbarkeit, Standards, Controlling, KVP (Kontinuierlicher Verbesserungsprozess). Genauso wie beim Prozessmanagement, nur eben für den Wissensfluss als eigene Dimension.
Wo siehst du die grössten Herausforderungen – eher bei der Technologie oder der Unternehmenskultur?
Die Herausforderung ist nie technologisch, immer kulturell. Francis Bacon hat es formuliert: Wissen ist Macht. Wer teilt, gibt Macht ab – solange er den persönlichen Nutzen nicht erkennt. Deshalb scheitert Wissensmanagement am Menschen und seiner Haltung zum Teilen, nie am Server. Die besten Plattformen der letzten vierzig Jahre, von Lotus Notes bis SharePoint, haben nur dort geholfen, wo die Kultur des Teilens bereits existierte. Deshalb brauchen wir beide Ansätze gleichzeitig: Codifizierung, also Wissen dokumentieren und archivieren, und Personalisierung, also Wissen in Gesprächen, Mentorings und Communities am Leben halten. Die Technologie erleichtert den Umgang; die Kultur entscheidet über den Erfolg.
Welches Unternehmen oder welche Branche macht Wissensmanagement besonders gut – und warum?
Die Pharmaindustrie zeigt, dass Wissensmanagement nicht gleich Wissensmanagement ist: regulatorisch perfekt im Dokumentieren, aber schwach im Vernetzen und im Transfer impliziten Wissens. Das CERN ist die Referenz für Langzeitarchivierung wissenschaftlichen Wissens. Und Meusburger aus Vorarlberg beweist die dritte Dimension: Sie gossen jahrzehntelanges Expert:innenwissen über Passungen, Werkstoffe und Verschleissteile in standardisierte, sofort nutzbare Bausteine. Konstrukteure greifen nicht auf ein Wiki zurück, sondern auf einen Katalog, worin Wissen als fertiges, geprüftes Produkt existiert. Das ist Wissensmanagement in seiner effizientesten Form: Wissen in Objekte überführt, ohne Interpretationsspielraum.
Was wird sich in den nächsten 3 bis 5 Jahren im Wissensmanagement verändern?
Die Bedeutung von Wissen wird weiter steigen. Unternehmen, die heute ihre Daten sauber aufbereiten – sowohl strukturierte als auch unstrukturierte –, werden im Vorteil sein. Die eigentliche Veränderung liegt im Modus: Wissensmanagement wird nicht länger Verwaltung, sondern Echtzeitfluss. Wissen wird verknüpft und verifiziert, gestützt durch KI, aber gesteuert durch menschliche Kuratierung.
Lässt sich deine Erfahrung, deine Philosophie in einem Satz zusammenfassen?
In einem Satz nicht. Aber in einem Bild: Wissensmanagement ist ein bewusster Garten im natürlichen Zyklus. Wissen ist der Boden, das Teilen ist das Säen in Offenheit und Transparenz. Wir pflegen inklusiv, nicht exklusiv, ernten aktiv Bildung und lassen den Boden ruhen, damit er im nächsten Zyklus wieder fruchtbar wird. Managen bedeutet, diesen Rhythmus zu bewahren – nicht die Ernte zu kontrollieren, sondern gemeinsam Verantwortung für das Grosse Ganze zu tragen.
Woher hast du dein Wissen?
Mit fünf begann ich zu lesen und hörte nie auf. Ich lerne bewusst, reise, höre Menschen innerhalb und ausserhalb meiner Blase zu – und teile Gedanken. Nonaka und Takeuchi haben das, was ich intuitiv lebte, später das SECI-Modell genannt: Wissen entsteht im Austausch. Aber die reichste Quelle ist das Lehren. Seit fünfzehn Jahren gebe ich Wissen an Studierende weiter – und lerne dabei mehr als je zuvor.
Gibt es noch etwas, dass du loswerden willst?
Gerne. Wir wissen dank der Wissenschaft, was zu tun ist. Aber wir kommen nicht ins Handeln – und schon gar nicht gemeinsam. Wäre die Welt ein Gemeinwesen, in dem wir alle Mitglieder sind, müssten wir bei jeder Entscheidung fragen: Mehrt sie den Wert für alle oder schmälert sie ihn? Bewusstsein und Bildung sind unsere einzigen Hebel, um aus Wissen gemeinsame Tat zu machen.
Besten Dank für das Interview.
Kontakt Beat Troller
Sie finden Beat Troller im Netz über seine Website unme.ch, sowie seine Linkedin Profile https://www.linkedin.com/in/beat-troller-52187382/ und https://www.linkedin.com/in/beat-troller-76124220b/.

